Mit der Schule bist Du fertig, Zehnte-Klasse-Abschluss, Durchschnittsnote 2,8. Jetzt willst Du endlich Geld verdienen und das möglichst schnell. Was für einen Job suchst Du Dir?

Die Arbeit bei Deinem Onkel im Obstladen langweilt Dich schnell. Nach drei Wochen hast Du keine Lust mehr. Und bisher hast Du erst 150 Euro verdient. Wie machst Du weiter?

Dann doch der Taxischein. Wenigstens kannst Du dann den ganzen Tag Autofahren und lernst viele Menschen kennen. Dann doch die Ausbildung. Was mit Autos wird es auch da geben.
Das machen viele türkeistämmige Berliner so. Nach einer Schätzung des Vereins „Taxi Deutschland Berlin“ sind 60% aller Taxi-Fahrer in Berlin türkeistämmig. Insgesamt fahren 14.500 Taxifahrer durch Berlin. (Schätzung laut LaBO)

Mehr als 200 Euro musst Du für die Taxischule bezahlen. Du paukst wochenlang Berliner Straßennamen für die Ortskundeprüfung. Das zahlt sich aus: Du bekommst den Taxischein! Aber auf Dauer sind Dir 8,50 Euro die Stunde zu wenig.

Du suchst online nach Ausbildungsplätzen.

Autos – das ist Dein Ding. Aber in Berlin gibt es momentan keine Ausbildungsplätze in dieser Branche. Auf welche Stelle bewirbst Du Dich?

KFZ-Mechatroniker im Autohaus Mayer in Paderborn Automobilkaufmann bei BMW in München Bürokaufmann beim Unternehmensberater PricewaterhouseCoopers in Berlin

Autos liebst Du noch mehr als Berlin. Also bewirbst Du Dich auf den Ausbildungsplatz als KFZ-Mechatroniker im Autohaus Mayer in Paderborn. Doch von da kommt prompt eine Absage. Du vermutest, die könnte etwas mit Deinem türkischen Nachnamen zu tun haben…

Da könntest Du richtig liegen. Je kleiner ein Unternehmen, desto höher die Diskriminierungsrate. Besonders hoch ist sie bei Firmen mit weniger als sechs Mitarbeitern. (Quelle)
Du bewirbst Dich noch einmal beim Autohaus Mayer – aber diesmal mit einem deutschen Namen, den Du erfindest. Du bleibst bei Deinem echten Namen – denn auf einen rassistischen Chef kannst Du verzichten. Du musst eben mehr Bewerbungen schreiben. Viel hilft viel. Keine Lust mehr auf deutsche Unternehmen. Deine nächste Bewerbung schreibst Du an ein Autohaus in Istanbul.

Dieses Mal wirst Du zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Jetzt würde Dir das Autohaus Mayer sogar einen Ausbildungsplatz anbieten. Aber möchtest Du wirklich für einen Chef arbeiten, der Dich vorher wegen Deines türkischen Namens abgelehnt hat?

Das ist die richtige Einstellung – auch wenn Du es schwerer hast als andere Bewerber! Im Durchschnitt muss ein Kandidat mit einem türkischen Namen sieben Bewerbungen schreiben, um zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Bewerber mit deutschem Namen werden bei gleichen Leistungen bevorzugt – sie werden nach durchschnittlich fünf Bewerbungen zum Vorstellungsgespräch eingeladen. (Quelle)

Zurück in die Türkei: Diesen Weg gehen viele türkeistämmige Deutsche. Besonders die Gutgebildeten verlassen Deutschland. In einer Umfrage gab mehr als ein Drittel der befragten türkeistämmigen Akademiker an, in Zukunft aus Deutschland weg und in die Türkei ziehen zu wollen.

Schade, bei BMW hat es nicht für ein Vorstellungsgespräch gereicht. Die Firma begründet die Absage mit Deiner Fünf in Physik. Ob das stimmt?

Wahrscheinlich schon. Ein Fall von Diskriminierung ist bei einem so großen Unternehmen seltener. Je größer die Firma, desto seltener diskriminieren Personaler Bewerber mit Migrationshintergrund. Und: Je länger ein Betrieb schon ausbildet, desto wahrscheinlicher ist es, dass er Azubis mit Migrationshintergrund annimmt. (Quelle)
Was soll’s: weitermachen! Du legst gleich los mit der nächsten Bewerbung. Viel hilft viel. Keine Lust mehr auf deutsche Unternehmen. Deine nächste Bewerbung schreibst Du an eine Firma in Istanbul. Jetzt reicht’s: Du machst Dich selbstständig mit einem ebay-Shop für Handyzubehör.

Du hast Dich zum Schritt in die Selbstständigkeit entschlossen. Mutig! Denn Gründungsprojekte scheitern oft. Im Durchschnitt werden innerhalb von drei Jahren 30% aller Gründungsprojekte abgebrochen. Gründer mit Migrationshintergrund scheitern noch etwas häufiger - in 39% aller Fälle. Aber Migranten gründen auch wesentlich häufiger Unternehmen: Berliner mit türkischem Pass machen sich doppelt so oft selbstständig wie Berliner mit deutschem Pass.

(Quelle)

Eine Unternehmensberatung? Klar, mit der Ausbildung kannst Du in Berlin bleiben – wenn PricewaterhouseCoopers Dich nehmen würde. Tun sie aber nicht. Durchschnittsnote 2,8 ist ihnen zu schlecht, schreiben sie im Absagebrief. Ob es wirklich daran liegt?

Wahrscheinlich schon. Ein Fall von Diskriminierung ist bei einem so großen Unternehmen seltener. Je größer die Firma, desto seltener diskriminieren Personaler Bewerber mit Migrationshintergrund. Und: Je länger ein Betrieb schon ausbildet, desto wahrscheinlicher ist es, dass er Azubis mit Migrationshintergrund annimmt. (Quelle)
Was soll’s: weitermachen! Du legst gleich los mit der nächsten Bewerbung. Viel hilft viel. Keine Lust mehr auf deutsche Unternehmen. Deine nächste Bewerbung schreibst Du an eine Firma in Istanbul. Jetzt reicht’s: Du machst Dich selbstständig mit einem ebay-Shop für Handyzubehör.